St. Lambertikirche zu Ilde

 

Erstmalig wurde die Kirche im Jahre 1172 erwähnt:

 

Die Wehrkirche mit den sehr dicken Mauern ihres Turmes diente bei plötzlichen Überfällen als letzte Zuflucht, um das nackte Leben zu retten. Die alten Fensterluken sind schmal und erweitern sich nach innen schießschartenartig. Vom oberen Boden ragt durch die dicken Wände eine steinerne „Pechnase“ nach außen.

Der Eingang zum Turm war ehedem nur vom Kirchenschiff aus möglich, dessen ursprüngliche kleine Tür sich im Süden, also vom Dorfe her, öffnete. Ging sie gegen die Eindringlinge verloren, dann kletterten die Verteidiger auf der Leiter in den Turm und zogen diese hinter sich herauf.

 

 

Am 6. Mai 1663 schlug bei einem heftigen Gewitter der Blitz in den Turm und hat ihn „an einer Seite nach der Pfarre werts von der Spitze bis unten in den Grund mit Dach und Mauern ganz niedergeschlagen“. 

 

 

Der älteste Kronleuchter in der Kirche trägt folgende Inschrift:

 

HANS SANDTFOS . ILSEMARIE KNACKSTERDT . KLEIN ILLE 1709

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jahreszahl über dem Ausgang der Empore bei der Orgel

 

Die baulichen Veränderungen in der Mitte des 18.Jahrhunderts haben das Bild des Wehrturmes zum Kirchenschiff verwischt. Aus dem niedergeschriebenen Worten des derzeitigen Bauherren, Pastor Wiesen, ist das zu entnehmen: Nova 1755; den 2ten Juny ward durch 2 Maurer angefangen, die alte Mauer zwischen Kirche und Thurm wegzureissen, wo jetzo der Bogen ist und die Kirche dadurch verlängert wurde. Durch die Fortnahme der unteren östlichen Turmmauer musste ein Quaderbogen die beiden Seitenwände stärken.

 

Dieser trägt über der Eingangstür die Jahreszahl 1755.

Nova 1756: In der Kirche wurden dieses Jahr die Klein-Ilder Prieche im Thurm, die zwei großen Stühle, zur rechten für Pastorin, zur linken für Witwe, die 8  Mannsstühle verfertigt.

 

 

 

Nova 1757: Habe am zweiten Ostertage nach gehaltener Denk- und Dankpredigt des vollendeten Kirchthurmbaues zu der noch nötig Kirchstände verbessert eine Collekte von der Gemeine auf dem Altar opfern lassen, und gerade 5r Rthl. empfangen. Es war vorher noch nie geschehen.

 

Nova 1757: Dieses Jahr ist die große Ildische Prieche in der Kirche erneuert und vergrößert, auch angefangen zum Besten der Kirche und Armuth an denen ordentlichen Bustagen ein Becken zur Sammlung freiwilliger Gaben in der Kirche auszusetzen. Welches bald wieder eingegangen.

Aus dem Jahr 1766 stammt der Klingelbeutel mit dem kleinen Bronzeglöckchen am Bronzestiel. Bis weit in das 20. Jahrhundert wurde er für das Einsammeln der Kollekte eingesetzt.

 

Wegen seiner Machart  - in rotem Tuch mit Goldbrokat verbrämt - ist er einzigartig.

Nova 1796: Die alte Kirche war in solchem Zustand, dass keiner ohne Gefahr mehr hineingehen konnte. Die Balken waren stockig und die Mauern an verschiedenen Stellen etwas eingestürzt. Sie bestand aus zwei Teilen: Das Chor war 18 Fuß        (ca. 6 m)  breit und wegen der kleinen Fenster und des Gewölbes sehr dunkel; der andere Teil war 21 Fuß  (ca. 7 m) breit und auch sehr finster. Die Groß-Ilder Manns-Prieche war gegen Mitternacht (Norden); die Klein-Ilder war unter dem Turm. An Festtagen war für zwei Gemeinden kaum Raum und es entstand ein heftiges Gedränge. Pastor Wiesen hatte schon seit zehn Jahren daran gearbeitet, die Kirche zu verbessern, aber seine Bemühungen waren fruchtlos. Selbst das Holz, das schon zum Bau angekauft war, musste wegen verschiedener Uneinigkeiten in der Gemeinde wieder verkauft werden, sobald sein Nachfolger eingeführt war.

Pastor Trobitius versuchte über zwei Jahre lang, die beiden Gemeinden zu überreden, mit dem Kirchenbau bzw. Renovierung  anzufangen.

 

Es mögen nun noch einige Streiflichter aus dem kläglichen, langwierigen Streit in und unter den beiden Dörfern über den Kirchenneubau folgen. In der Woche vor Ostern 1796 war man sich einig, dass die Kirche repariert werden sollte. Man bestimmte den 30. März, wo man das Oberwerk abreißen wollte. An diesem Tag kamen die Gemeinden zusammen und fingen an, dass Dach abzudecken.

 Inzwischen waren schon wieder viele Gemeindemitglieder gegen die Kirchenrenovierung, aber die Arbeiten konnten ohne Streit beendet werden. Einige Vernünftige machten den Vorschlag, auch die Mauern abzureißen, da diese die neue Last des Kirchendaches nicht tragen konnten. Herr Mackensen aus Klein Ilde erbot sich, die Mauer ex propati (aus eigenen Mitteln) aufbauen zu lassen und verlangte zum Andenken seinen Stand in der Kirche. Das gab noch mehr Aufruhr.

Als alle gütigen Vorstellungen vergeblich waren, um eine größere Kirche erbauen zu können und einige sogar persönlich wurden, sah er sich nun genötigt, „das Amt“ anzurufen. Dies half; auch namentlich aufgeführte Leute unterstützten ihn wie Cristoph Bock und Christoph Oberbeck aus Groß Ilde und Peter Jacobs, Klein Ilde (Bauermeister), der Krüger und Ackermann Ernst Steinborn, ein guter Mann und Christian Evensen, Vater.

Im Herbst des Jahres konnte endlich „gerichtet“ werden.  

 

Seitdem sind die Priechen verschwunden, ein niedersächsischer Ausdruck für die an den hinteren Wänden hoch unter der Decke laufenden Gänge, auf die die dort sitzenden Männer auf einer Steige hinaufsteigen mussten.

 

Aus dem datierten Neubau des Kirchenschiffes von 1796-1801 mit den heutigen großen Fenstern geht klar hervor, dass das jetzige Hartdach ein niedriges, schmaleres Satteldach mit Platten als Vorgänger hatte.

An die Erneuerung des Gotteshauses im Jahre 1691 erinnert auch ein alter Stein in der Außenmauer mit dieser Jahreszahl. Dieser befindet sich am Ende des Kirchenschiffbaues in der Südostecke.

Mit einem letzten ausführlichen Abschnitt im Kirchenbuche über die Jahrhundertwendefeier 1799/1800 versiegen die schriftlichen Quellen zur Dorfgeschichte durch die Pastoren.

 

Der Kanzelaltar dürfte aus dem 18. Jhdt. stammen. Aus den alten Kirchbüchern und Kirchenakten geht nicht hervor, in welchem Jahre der Altar erstellt wurde. Es kann nur angenommen werden, dass bei dem Kirchenumbau sowie der Neugestaltung im Jahre 1755, der von dem damaligen Pastor Johann Dietrich Wiesen durchgeführt wurde, auch der Altar gebaut wurde. Er ist einfach und ohne Bildwerk, wie viele Altäre der Dorfkirchen in dieser Zeit.  

Im Herbst 1964 fand eine Renovierung statt: Bis zu diesem Zeitpunkt war der Altar, der aus Steinen und Lehmputz bestand, mit roten Paramenten rundherum verkleidet.  

Bei der Renovierung wurde der Altar mit einer Holzverkleidung versehen, dem übrigen Stil des Aufbaues angepasst, in der gleichen Farbe vermalt und mit Gold abgedeckt. 

 

Auch der Taufstein erhielt einen zum Altar passenden Anstrich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1862 einigten sich die beiden Gemeinden auf eine Anschaffung einer Orgel.  Das benötige Geld wurde durch Sammlungen aufgebracht und zwar hatten die Hofbesitzer alle Vierteljahre einen Thaler aufzubringen. Einige Jahre später wurde die neue Orgel vom Orgelbauer Kohlen in Gottsbüren für 700 Thaler erbaut. Bis zum heutigen Tag ertönen die Klänge der mit einem Manual spielenden Orgel in unserer Kirche.

(Die Gottsbürener Orgelbautradition wurde von Joachim Kohlen begründet)

Deutsch-französischer Krieg von 1870-1871:                                 

An diesem nahmen sieben Ilder teil: Leutnant der Reserve Carl Mackensen aus Klein-Ilde (Inf.-Regt. 79 Hildesheim). Außerdem  waren bei diesem Regiment noch  Carl Brackebusch, Heinrich Knacksterdt und August Falke. Friedrich Brackebusch und Heinrich Barten standen bei der Garde in Postdam (letzterer als Sanitäter). Der siebte Mann war Heinrich Mahnkopf (aus Upstedt gebürtig); er stand bei den Lüneburger Dragonern.

Carl Mackensen wurde am 16. August 1870 bei Mars-la-Tour schwer verwundet und starb, trotz aller Pflege, im Alter von

26 Jahren in seinem Heimatdorf. Die Bestattung fand auf dem alten Friedhof statt. Dort wurde ihm eine Ehrengrabstätte errichtet.

 

Ihm zu Ehren wurde in der Kirche eine Gedenktafel angebracht.

 

Alle weiteren Kriegsteilnehmer kehrten im Frühjahr 1871 gesund  wieder in die Heimat zurück.

1888 sorgte Pastor Ehlerding für die Ausbesserung der Außenwände der Kirche (Kosten 400 Mark) und 1891 für die Anschaffung einer neuen Glocke (1500 Mark).  Auch die Neuausmalung des Kirchen-inneren (1898) ist ihm zuzuschreiben.

 

Während die jüngere Glocke nach dem 2.Weltkrieg wieder an ihrem ursprünglichen Platz zurückkehrte, hat die Gemeinde zwei Messingleuchter nach der Beschlagnahmung nicht mehr zurückerhalten. Insgesamt hatte die Gemeinde vier Messingleuchter. Zwei kleinere wurden ersetzt; evtl. stammen diese aus dem 15. Jahrhundert. Die beiden verbliebenen sind als hohe Korbleuchter ein Schmuckstück des Altartisches (16. Jahrhundert).

Einen in Kunstschmiedearbeit ausgeführten Radleuchter mit elektrischen Glühlampen schenkte 1948 der Bauer Otto Steinborn aus Groß Ilde der Kirche.

Die nebenstehende Aufnahme vom Kircheneingang zeigt die alte Holztür.

 

Außerdem befand sich auf der rechten Seite vor dem Eingang ein Schaukasten.

Juni 1966: Die zum Teil sehr alten Kirchenfenster waren erneuerungsbedürftig. Die Nordseite des Kirchenschiffes mit vier Fenstern sowie das Fenster hinter dem Altar stammten vermutlich aus dem Jahre 1797, wie es in alten Kirchenbüchern erwähnt wird. Fachleute stellten fest, dass das Blei und die handgearbeiteten Schrauben und Flügel-muttern seit Anfang des 19. Jahrhunderts nicht mehr verwendet wurden. Die vier Fenster an der Südseite waren neueren Datums.

Sie wurden, wie aus dem bleivergossenen Buntglas zu ersehen war, von der Firma August Sandtvos aus Hildesheim nach dem ersten Weltkrieg eingesetzt. Die neuen Kirchenfenster sind alle einheitlich mit Holzrahmen und mit buntem, dezentem Glas bleivergossen und wurden von der Hildesheimer Firma Bertram installiert.

 

Ende 1966/Anfang 1967 wurde der alte Kirchturm von einer Spezialfirma – Schottel – aus Hameln verstärkt. Der Turm wurde ringsherum mit ca. 100 Löchern angebohrt und mit purem Zement ausgegossen. An der Ostseite, wo die eigentliche Schadenstelle war, wurden zwei lange Bohrungen durchgeführt, in die hinein je zwei Eisenstangen eingezogen, verschraubt und zementiert wurden. Dasselbe wurde mit der Nordseite und der Südseite mit je einem Durchzug verfertigt. In den Turm wurden ca. 200 Sack Zement hineingedrückt.

 

1992: Wennemar von Schaaffhausen ist es zu verdanken, dass im Eingangsbereich im Ilder Kirchturm heute ein wertvolles Grabrelief aus dem frühen 18. Jahrhundert steht. Die Platte lag mitten in der Lamme, und zwar an einer Stelle, die der Badekolk genannt wurde. Wahrscheinlich nutzte man sie, um von ihr in das Wasser des kleinen Flüsschens zu springen. Die Inschrift lautet: „Alhier ruht in Gott der weiland Ehr- und achtsame Curdt Henrich Sandvos, gewesener Meierdingsgreve, auch Ackermann und Schafmeister in Kleinen Ilde, geboren 9. Juni 1684, gestorben den 2. Marty (März) 1736 seines Alters 51 Jahre, 7 Monate, 7 Wochen  und 3 Tage“. Es folgen zwei bibelbezogene Verse, im Bildnis eine Person – wahrscheinlich eine Frau – in stehender Position, vor ihr liegend ein gewickeltes Kind; dann unten links ein Totenschädel und unten rechts eine Eule mit der Stundenuhr.

Pastor Henning Lüdicke hat im Kirchbuch folgenden Hinweis gefun-den: Sandvos ist kinderlos verstorben; seine Frau hat ihn überlebt

1997:  Renovierung des Glockenturmes

 

Das Dach des Turmes war undicht, Feuchtigkeit gelangte in den Innenraum. Der gesamte Dachstuhl und die tragenden Balken waren durch eingesickertes Wasser verfault und es hatte sich ein Schwamm gebildet. Die Folge war, dass die gesamte Dachkonstruktion abgenommen werden musste, die Glocken eingeschlossen.

 

Ab Pfingsten  wurde das Schlagen der Glocken eingestellt; zudem wurde die Orgel in Folie gepackt. Seit dieser Zeit fand der Gottes-dienst nicht mehr im gewohnten Umfeld statt sondern im Pfarrhaus. 

Aufgrund der engen Straßen zur Kirche und der anliegenden Gebäude mussten Zäune versetzt und eine Linde durch die Feuerwehr beschnitten werden, um dem Kranausleger ein sicheres Arbeiten zu ermöglichen. Als der 130-Tonnen-Kran im September in Ilde anrückte, war das gesamte Dorf auf den Beinen. Im Pfarrgarten wurde der Platz knapp. Mit Videokameras und Fotoapparaten hielten die Ilder das Ereignis fest. Nachdem der Kran den Turm sanft auf den Platz neben der Kirche abgesetzt hatte, schwebten behutsam die jeweils 600 Kilogramm schweren Glocken herunter. Zum Schluss erreichte der Glockenstuhl den Boden. Glockenstuhl samt Glocken wurden wetterfest eingepackt.

 

Auch um die Substanz des Turmschachtes stand es bislang nicht gut. Durch den Zement, der in den 70er Jahren verpresst wurde, entstand Gips. Dieser drückte nun auf das Mauerwerk, so dass sich an der Nordseite eine riesige Ausbuchtung bildete. Dadurch drohte der Turm auseinanderzubrechen. Dem Gewicht der Glocken hätte er auf Dauer nicht mehr standhalten können.

 

Als eine Maßnahme wurden nun durch den Kirchturm an zwölf Stellen Zuganker gesetzt, um diesen zu stabilisieren. Außerdem tauschten die Arbeiter viele Steine aus, da die dicken Brocken einst teilweise verdreht eingesetzt wurden. Defekte Stellen wurden mit Muschelkalk ausgespritzt.

 

Ende Januar 1998 kehrte der Kirchturm wieder auf seinen ursprünglichen Platz zurück. Relativ problemlos gestaltete sich das Aufsetzen des Kirchturmes auf den Turmschaft; jedoch mussten die Arbeiter Millimeterarbeit leisten.

 

„Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen“. Unter dieses Psalmwort (Ps. 127.1) stellte Pastor Stahlhut seine Gedanken beim Richtfest, um im Namen des Kirchenvorstandes den versammelten Bauhandwerkern  für die geleistete Arbeit zu danken.

 

Am Ostersonntag, 12. April 1998 läuteten nach der Renovierung erstmalig wieder die Glocken in der St. Lambertikirche in Ilde.

Im Folgemonat wurde das Dach wieder neu mit Schiefer eingedeckt und der Turm noch verputzt. 

 

2014 wurde die Turmuhr der Firma Weule/Bockenem mit einem elektrischen Ziehwerk ausgestattet.

 

Doris Haars